6.1.2.  Wirtschaftliche Kriterien

 

Unabhängig davon gibt es jedoch Personen, die scheinbar keine moralischen Probleme beim Schwarzkopieren haben bzw. es dennoch tun. Diese wählen ihre Bezugsquelle nach vorwiegend wirtschaftlichen Kriterien aus, auf die ich jetzt eingehen möchte.

Zunächst einmal wird ein Internetanschluss benötigt, unabhängig davon, ob man nun einen kostenpflichtigen Downloadanbieter oder ein Tauschbörsenprogramm nutzen möchte. Allerdings hat man bei Letzterem ein höheres Datenübertragungsvolumen, da man gleichzeitig auch Daten für andere bereitstellt. Ich werde der Einfachheit halber davon ausgehen, dass der Kunde eine Flatrate, also einen Tarif ohne Beschränkungen hinsichtlich Zeit und Übertragungsvolumen, hat. Somit sind in beiden Fällen die Internetgebühren gleich hoch.

Ein großer Vorteil der Tauschbörsen ist es, dass die Daten ohne Zahlung einer Abonnementgebühr oder eines Einzelpreises bezogen werden können; allerdings sind auch sie oft nicht ganz kostenlos, denn es besteht das Risiko, erwischt zu werden und dann Strafe zahlen zu müssen. Wie schon beschrieben, hängt die zivilrechtliche Forderung von vielen Faktoren, wie bspw. dem Umfang der illegalen Aktivität, aber auch von der Strategie des Abmahners, ab. Hinzu kann eine strafrechtliche Verfolgung kommen. Doch wie groß ist überhaupt das Risiko, gefasst zu werden? Eine Studie hat mittels einer vierjährigen Erhebung aufgezeigt, dass das Risiko, ertappt zu werden, entgegen der Behauptungen der Rechteverwerter nahezu gleich Null sei.6 Einen kleinen Anhaltspunkt könnte auch eine schwedische Versicherung bieten, die für 15 Euro jährlich jegliche Bußgelder übernimmt - allerdings sind diese in Schweden auf 1.700 Euro begrenzt, was in Deutschland nicht der Fall ist. In einem von einer Anwaltskanzlei veröffentlichten Text ist zu lesen, dass die Zahl der Abmahnungen in letzter Zeit deutlich zugenommen habe und somit das Risiko auch recht groß geworden sei. Die Kanzlei vertritt nach eigenen Angaben derzeit über 850 solcher Fälle.7 Bei der Angabe, dass das Risiko gestiegen sei, handelt es sich jedoch wahrscheinlich um das subjektive Empfinden des Rechtsanwaltes, der den Text geschrieben hat. Um nämlich eine wissenschaftlich untermauerte Aussage zu den Zahlen zu bekommen, müsste man alle Abmahnungsfälle erfassen und zu den insgesamt getauschten Dateien in Verbindung bringen. Außerdem unterliegt das Risiko momentan großen Schwankungen, da es ständig neue Urteile und Gesetzesänderungen gibt. Es ist also derzeit nicht möglich, eine zu erwartende Strafzahlung pro Album per konkretem Geldbetrag anzugeben. Hinzu kommt, dass die Risiken möglicherweise verzerrt wahrgenommen werden. So empfinden Menschen die Risiken einer Technologie umso geringer, je höher der Nutzen ist, den ihnen diese Technologie verspricht. Auch werden freiwillig eingegangene Risiken im Allgemeinen ohnehin als weniger schlimm angesehen.8

Je nach Tauschbörse kann man geringere Übertragungsraten haben als beim direkten Abruf von einem Webserver. Der Server sollte dafür ausreichende Kapazitäten haben, wovon wir hier ausgehen wollen. Bei eMule sind laut den Angaben der Hilfe im Durchschnitt zwischen 20 und 30 Kilobyte pro Sekunde zu erwarten.9 Die Geschwindigkeit variiert aber je nach Datei und Tauschbörse. Letztlich ist die Übertragungsrate nur in dem Fall relevant, wenn man das entsprechende Werk sehr schnell beziehen möchte oder wenn man den Computer nur für die Datenübertragung nutzt. Ist es dem Konsumenten wirklich wichtig, die Daten schnell zu erhalten, würde dieser Punkt möglicherweise dafür sprechen, einen kostenpflichtigen Anbieter zu wählen. Wird der Computer nur zur Datenübertragung genutzt, so sind auch die Stromkosten in die Berechnung einzubeziehen; anderenfalls kann das Tauschbörsenprogramm geöffnet sein, während man selbst der gewohnten Tätigkeit am Computer nachgeht. Das Notebook mit dem geringsten Verbrauch, das ich aus einer Übersicht ermitteln konnte, hat bei eingeschaltetem Bildschirm und ohne weitere Beanspruchung eine Leistungsaufnahme von 15 Watt.10 Bei der ausschließlichen Tauschbörsennutzung wird der Bildschirm abgeschaltet sein und somit der Computer nur geringfügig belastet werden. Der oben genannte Wert soll uns weiterhin als Anhaltspunkt dienen. Demzufolge hätte der Nutzer nach 66,7 Stunden eine Kilowattstunde bzw. etwa 18 Cent verbraucht.11 Standgeräte verbrauchen natürlich deutlich mehr Strom.

 

Wichtiger als die Übertragungszeit sind aber wohl Bedienkomfort, Qualität der Daten und Datenauswahl. In einem älteren Test wurden die Downloadanbieter Musicload und iTunes als die bedienerfreundlichsten ermittelt. Allerdings seien auch diese nicht fehlerfrei.12 Die Seiten dieser beiden Anbieter habe ich mir einmal genauer angeschaut. Auf www.itunes.de findet man einen Link Musik kaufen. Wenn man diesen ausgewählt hat, wird man aufgefordert, ein Programm zu installieren. Es gibt allerdings keine Möglichkeit, vorher herauszufinden, ob das gewünschte Musikstück überhaupt angeboten wird. Ein weiterer Nachteil ist, dass das Programm nicht für das Open-Source-Betriebssystem Linux erhältlich ist. Die Versionen für das Apple-eigene Betriebssystem, von denen auch iTunes entstammt, als auch die verschiedenen Windows-Versionen stellen jedoch vergleichsweise hohe Anforderungen an die Computer-Hardware, wobei ältere Windows-Systeme prinzipiell nicht unterstützt werden. Voraussetzung für Windows-Systeme sind mindestens 500 MHz Pentium-Prozessoren mit 256 MB Arbeitsspeicher; möchte man zudem noch die Videodienste nutzen, so sind die Ansprüche noch einmal um ein Vielfaches höher. EMule hingegen arbeitet auch mit deutlich geringer ausgestatteten Computern, was wiederum den Stromverbrauch im Betrieb senkt.13

Auf www.musicload.de bspw. kann man das Angebot durchsuchen, ohne zuvor ein Programm installieren zu müssen. Bei der für den Kaufvorgang notwendigen Registrierung war es dann aber - zumindest für mich - vorbei: Man sollte die Zeichen aus einem Bild in ein Eingabefeld tippen, was einem Blinden nicht möglich ist. In einem Selbsttest konnte ich hingegen die aktuelle eMule-Version problemlos bedienen - mit der Einschränkung, dass diese einige Anzeigeelemente aufweist, die nur grafisch dargestellt werden. Darauf kann man jedoch verzichten. Auch wenn ich persönlich ein Windows-System nutze, möchte ich noch einmal auf die Kompatibilität zu anderen Betriebssystemen eingehen. Denn laut einer Übersicht ist Musicload nur über Windows nutzbar. Von den 10 aufgelisteten Anbietern gab es nur einen, der kein spezielles Programm erfordert und mit allen Systemen nutzbar ist: www.akuma.de.14 Vermutlich hat zwar ein Großteil der Heimanwender einen relativ neuen Computer mit einem Windows-System, jedoch ist das Kompatibilitätsproblem ein deutlicher Nachteil für die meisten Downloadanbieter. Es werden nämlich einige Nutzer ausgeschlossen. Eine Erhebung ergab zudem, dass bis zu 75 % aller Onlinekäufe abgebrochen werden.15

Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Umfang des Angebotes. Bei dem eben schon benannten Dienst Akuma konnte ich bspw. meine Lieblingsmusikgruppe nicht finden. Gerade die großen Anbieter wie iTunes hätten laut einer Untersuchung hauptsächlich solche Musik, die auch in den Charts vertreten seien, unbekanntere Musik sei kaum zu finden, speziell solche von Schweizer Künstlern nicht.16 Napster gibt an, über fünf Millionen Titel im Angebot zu haben.17 Und in den von eMule genutzten Netzen findet man mehrere hundert Millionen Dateien, wovon jedoch einige unvollständig sind. Es kann zudem vorkommen, dass sie nicht den Inhalt haben, den der Dateiname verspricht.18

Unter den Dateien der Tauschbörsen werden sicherlich einige zu finden sein, die aus rechtlicher Sicht auch kopiert werden dürfen, aber hauptsächlich wohl doch Schwarzkopien, was Filme und Computerprogramme mit einschließt. Im Gegensatz dazu können Downloadplattformen lediglich legal veröffentlichtes Material anbieten, während in Tauschbörsen auch längst vergriffene Werke, Rundfunkaufzeichnungen, Konzertmitschnitte und Ähnliches zu finden sind, was ihnen somit ein viel umfangreicheres Sortiment ermöglicht.

Wenn man nach dem Prinzip verfährt, bei der Suche nach einem bestimmten Informationsgut zunächst auf legale Anbieter zuzugreifen, und - erst anschließend- Tauschbörsen nutzt, so ist der Suchaufwand relativ hoch. Man muss nämlich meist -je nach Anbieter- zuerst ein Programm installieren, und sich dann noch mit dem weiteren Vorgehen befassen. Möglicherweise ist es sogar notwendig, bei Misserfolg noch weitere Anbieter zu durchsuchen. In diesem Zusammenhang ist auch noch zu bedenken, dass viele Downloadanbieter DRM-Formate verwenden, die nicht mit allen mobilen Abspielgeräten kompatibel sind. Möchte man bspw. ein Werk, das nicht mehr vertrieben wird, herunterladen, so wird man sich letztlich an eine Tauschbörse wenden müssen. Ob der abgewanderte Nutzer dann noch einmal zum kostenpflichtigen Angebot zurückkehrt, halte ich für fraglich bzw. eher unwahrscheinlich, auch wenn ein File-Sharing-Programm zunächst etwas Einarbeitungszeit benötigt. Welches System nun das benutzerfreundlichste ist, lässt sich zwar nicht pauschal sagen, ich würde jedoch behaupten, dass ein System mit einem möglichst großen Angebot die Einarbeitungskosten eher rechtfertigt, und die Gefahr, wechseln zu müssen, deswegen bei diesem geringer ist. Bei Downloadanbietern wird man dafür keine unvollständigen Dateien finden, wie es einem bspw. bei eMule passieren kann.

In einem Test wurden Film-Downloads in Tauschbörsen mit denen verschiedener kostenpflichtiger Anbieter verglichen. Herausgestellt hat sich, dass die Tauschbörsen leichter zu nutzen seien, ein größeres Angebot hätten und eine höhere Qualität der Filme böten. Hinzu kommt der Preis der Downloadanbieter, der im Verhältnis zu Ladenpreisen als zu hoch eingeschätzt wird.19

Ein weiteres Problem der Downloadanbieter ist die Zahlungsabwicklung. Denn es gibt immer mehr Betrugsfälle mit Geldkarten.20

Anhand dieser Argumente muss ich feststellen, dass es kaum Anreize gibt, ein kostenpflichtiges Angebot zu nutzen. Gegen das Beziehen von Schwarzkopien mittels Tauschbörsen spricht lediglich die Gesetzeswidrigkeit dieses Vorgehens und die damit verbundene Gefahr, dass man - sofern man ertappt wird- zur Rechenschaft gezogen wird. Letztlich werden aber immer die Präferenzen des Einzelnen, sein Risikoempfinden und sein persönliches Rechtsempfinden die Entscheidung für eine der Bezugsquellen begründen. Derzeit werden ja auch sowohl CDs verkauft als auch Musik in Tauschbörsen und von kostenpflichtigen Anbietern heruntergeladen, wobei jedoch zu beachten ist, dass nicht alles auch in allen Systemen verfügbar ist.

Eine etwas ältere Umfrage an der Universität Trier ergab, dass fast 60 % der Befragten Musik aus dem Internet herunterladen würden. 2/3 der Befragten konnten sich prinzipiell vorstellen, für Musik aus dem Internet einen Geldbetrag zwischen 25 Cent und einem Euro auszugeben. Der Anteil von Tauschbörsen an den Downloads lag bei 84 %, ein Drittel gab an, auf eigenen Internetseiten MP3-Dateien bereitzustellen. 82 % der Tauschbörsennutzer haben sich wegen des geringeren Preises dafür entschieden, 72 % finden es zudem wichtig, neue Medien zu nutzen. 81 % der Nichtnutzer und 87 % der Nutzer hätten keine Angst, sich in Tauschbörsen strafbar zu machen. Durch die Downloads gaben 42 % der Musikfans und 52 % der Nicht-Fans an, weniger CDs zu kaufen.21

6vgl.: o.V.: Datenklau ohne Risiko. online: http://wga.dmz.uni-wh.de/orga/html/default/projekte0401;jsessionid=903CCA3FF12B94188FCB6F16818D664E(04.04.2008 17:30)

7vgl.: Solmecke, Christian: Filesharing-Abmahnungen: Auflistung der abgemahnten Werke. Netzartikel vom 12.03.2008. online: http://www.wb-law.de/news/it-telekommunikationsrecht/376/filesharing-abmahnungen-auflistung-der-abgemahnten-werke/#more-376(04.04.2008 18:25)

8vgl.: Dzeyk, Waldemar: Vertrauen in Internetangebote - Eine empirische Untersuchung zum Einfluss von Glaubwürdigkeitsindikatoren bei der Nutzung von Online-Therapie- und Online-Beratungsangeboten. Netzartikel aus dem August 2005. online: http://www.e-beratungsjournal.net/ausgabe_0206/dzeyk.pdf(05.04.2008 22:39)

9vgl.: o.V.: eMule. FAQ, letzte Änderung am 19.11.2005. online: http://www.emule-project.net/home/perl/help.cgi?l=2&rm=show_topic&topic_id=316#expect(07.04.2008 12:00)

10vgl.: o.V.: Computer - Notebook Stromverbrauch. online: http://notebook.pege.org/benchmarks/warten-stromverbrauch.htm(07.04.2008 13:30)

11vgl.: o.V.: Fragen und Antworten: Tipps zur Energieeffizienz für Haushalts- und Elektrogeräte. online: http://www.bmu.de/energieeffizienz/aktuell/doc/38098.php(07.04.2008 14:00)

12vgl.: Fiutak, Martin: Musicload und iTunes gewinnen Shop-Ranking. Netzartikel vom 28.10.2004 (11:34). online: http://www.zdnet.de/news/tkomm/0,39023151,39127293,00.htm(08.04.2008 00:30)

13vgl.: o.V.: Forendiskussion: Welche Mods laufen unter Win ME? online: http://www.emule-web.de/board/9344-welche-mods-laufen-unter-win.html(08.04.2008 02:00)

14vgl.: o.V.: Unter Linux gibt’s nichts auf die Ohren. Netzartikel vom 29.09.2007. online: http://blog.computer-tipps.info/2007/09/29/unter-linux-gibts-nichts-auf-die-ohren/(08.04.2008 15:30)

15vgl.: Kromer, Eberhard: Wertschöpfung in der Musikindustrie - zukünftige Erfolgsfaktoren bei der Vermarktung von Musik. Verlag Fischer, München 2008, S. 179.

16vgl.: Kägi, Matthias: Musikdownload: Schweizer Künstler Mangelware. Netzartikel vom 07.06.2005 (08:15). online: http://www.nachrichten.ch/detail/213528.htm(08.04.2008 17:40)

17vgl.: o.V.: Napster - FAQ. online: http://www.napster.de/faq.html(08.04.2008 16:50)

18vgl.: o.V.: eMule. online: http://www.google.com/search?hl=de&q=cache%3Ahttp%3A%2F%2Fwww.copy4freedom.de%2Findex.php%3Fid%3D96&meta=lr%3Dlang_de(15.04.2008 12:00)

19vgl.: Kastelan, Karsten: Legal vs. illegal - Im Praxistest: Portale zum Downloaden im Netz. Netzartikel vom Oktober 2007. online: http://www.epd-film.de/themen_51924.php(09.04.2008 01:00)

20vgl.: Corlett, Chris: Einkaufen im Internet nicht ohne Risiko. Netzartikel vom20.12.2003. online: http://www.hr-online.de/website/rubriken/ ratgeber/index.jsp?rubrik=3616& key=standard_document_1054824(10.04.2008 00:15)

21vgl.: o.V.: Musik-Tauschbörsen und CD-Kopien. Netzartikel der Uni Trier vom 06.10.2002 (15:52). online: http://archiv.chip.de/news/c1_archiv_news_stories_17517057.html(14.04.2008 23:00)

 

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