7.1.1.  Wirtschaftliche Betrachtung der Angebotsseite

 

Laut des Deutschen Musikverleger-Verbands (DMV) sind die Umsätze aus dem Tonträgerverkauf in den Jahren vor 2006 um 40 % gesunken, wobei die marktführenden Unternehmen besonders stark getroffen wurden. Für den Rückgang werden hauptsächlich die unautorisierten Kopien in Tauschbörsen verantwortlich gemacht.1 Der genaue Einfluss der Tauschbörsen ist jedoch umstritten. Die Zahlen zeigen nur, dass es einen Umsatzrückgang gab, jedoch nicht, wodurch dieser verursacht wurde. Um den Umsatzrückgängen auf den Grund zu gehen, hat die Technische Universität Berlin ein Gutachten erstellt, in dem sie denkbare Gründe aufzeigt. Einige dieser Gründe decken sich mit den schon angedeuteten Gründen für die Tauschbörsennutzung. Hauptsächlich werden Tonträger von den unter 40-Jährigen konsumiert; in dem von dieser Gruppe bevorzugten Musikbereich gibt es auch die größten Umsatzrückgänge. Als ein Grund wird genannt, dass es in den letzten Jahren viele Neuerungen im Bereich der mobilen Kommunikation, der Spielkonsolen und durch die Einführung der DVD gab, während die Musik-CD schon lange auf dem Markt ist. Nun ist es aber auch die Gruppe der unter 40-Jährigen, die besonders interessiert an neuen Technologien ist. Diese wendet sich also mehr diesen neuen Produkten zu und wird somit weniger Geld für die CD übrig haben. Die Kaufkraft der unter 20-Jährigen ist geringer, jedoch misst die Musikindustrie dieser Gruppe immer mehr Bedeutung zu. Wegen dieser strikten Zielgruppenausrichtung gäbe es also kaum noch attraktive Angebote für Leute, die älter als 20 Jahre sind, wodurch aber die Nachfrage der kaufkräftigsten Kunden unbefriedigt bliebe. Zudem sei die CD zu teuer, auch verglichen mit ihren Erstellungskosten. Verfügt die CD zusätzlich noch über einen Kopierschutz, so müsste sie noch einmal deutlich billiger sein, um konkurrenzfähig zu werden. Die hohen Preise entstehen unter anderem dadurch, dass nur etwa 10 % aller Produktionen ihre Kosten wieder einbringen; die anderen sind nicht erfolgreich, ihre Herstellung muss aber dennoch finanziert werden.

Von einem CD-Preis von etwa 16 Euro fließt die Hälfte in einen Sammeltopf für die Mischfinanzierung, wobei nur etwa 3 bis 4 Euro an den Künstler gehen. Die Musikindustrie habe weiterhin die Möglichkeiten des Internets viel zu spät erkannt. Es gab eine Nachfrage nach Musikdownloads, jedoch kein entsprechendes Angebot, weshalb es dazu kam, dass andere Lösungen geschaffen wurden. Teilweise wird angegeben, dass man sich die Musik zunächst aus der Tauschbörse herunterlädt und bei Gefallen zusätzlich den originalen Tonträger kauft. Die Folge ist, dass etablierte Stars Einbußen erleiden und es dafür anderen Musikgruppen gelingt, etwas erfolgreicher zu sein. Die Anzahl der in den Charts vertretenen Interpreten stieg zwischen 1998 und 2000 um 10 %. Vorher wurden die neuen Werke eines bekannten Künstlers weiterhin gut verkauft, wenn er einmal sehr erfolgreich war. Nach Aufkommen des Internets ist es für neue Künstler leichter geworden, ihre Musik zu verbreiten, so dass sich die großen Stars einer härteren Konkurrenz gegenüber sehen. Vorteilhaft ist daran, dass auch Leute mit einem ausgefallenen Musikgeschmack etwas Passendes finden und sich die Verhandlungsposition der Künstler gegenüber den Plattenfirmen verbessert hat. Ein weiterer Grund für die rückläufigen Umsätze bei Tonträgerverkäufen ist die schlechte Wirtschaftslage mit konstant hoher Arbeitslosigkeit und geringem bis keinem Wirtschaftswachstum. Somit ist der Einzelhandelsumsatz bei Privathaushalten um 10 % gesunken; verschont blieben lediglich die Dinge des täglichen Lebens und einige Luxusprodukte, wozu die CD jedoch nicht zählt. Weiterhin wird angemerkt, dass nur 8 % der CD-Rohlinge zum Speichern illegal bezogener Musik genutzt werden. Da es CDs einfach möglich machen, Privatkopien zu erstellen, wird oft von diesem Recht Gebrauch gemacht. Gleichzeitig sind die Verkaufszahlen von Leerkassetten stark rückläufig, so dass es insgesamt keinen großartigen Anstieg bei den Kopien gibt. Fazit des Gutachtens ist, dass die Tauschbörsen nicht am Umsatzrückgang schuld und nur ein Symptom des Fehlverhaltens der Musikindustrie sind. Um dem entgegenzuwirken wird empfohlen, kostenpflichtige, aber preisgünstige Musikabodienste aufzubauen, neue Technologien sinnvoll zu nutzen und die Wahl des Musikangebotes in die Hände der Künstler zu legen und nicht durch die Phonoverbände vorzugeben.2

Informationen gelten allgemein als Erfahrungsgut, was bedeutet, dass man sie erst einmal konsumieren muss, um ihren tatsächlichen Wert feststellen zu können.3 Daher auch der Wunsch, Musik vorher Probe zu hören. Es ist zwar prinzipiell in einigen Musikaliengeschäften möglich, sich eine CD anzuhören, dies ist jedoch mit einem relativ hohen Zeitaufwand verbunden. Eine andere Möglichkeit des Probehörens bietet das Radio, dort läuft aber auch nur gewisse, von einer Redaktion ausgewählte Musik. Kennt man einen Künstler und gefällt einem dessen Musik, so würde man zunächst davon ausgehen, dass die nächste Veröffentlichung auch gut ist. Doch da man mit Hilfe der Tauschbörsen nun die verbesserte Möglichkeit des Probehörens hat, muss man nicht mehr so stark allein darauf vertrauen. Man kann sich vorher relativ schnell schlau machen.

Zum Thema des Einflusses der Tauschbörsen auf die Einbußen in der Musikindustrie gibt es viele Studien, die jedoch kein einheitliches Ergebnis zutage bringen.4 Laut Andreas Saerbeck ist es aber mittlerweile ohne großen Aufwand möglich, Musik selbst aufzunehmen und zu vertreiben, selbst CDs können in Heimarbeit gebrannt werden, so dass man praktisch problemlos seine eigene Plattenfirma gründen kann.5

Daher möchte ich nun noch einmal den Einfluss auf die Urheber an sich beleuchten, denn die großen Plattenfirmen schaffen ja keine genuinen Werke und sind mittlerweile verzichtbar. Zunächst stellt sich erst einmal die Frage, ob Künstler überhaupt finanzielle Interessen haben oder ob das Musizieren für sie eher ein Hobby darstellt. Ein Artikel behauptet, dass alles besser werde, wenn man es nicht des Geldes wegen macht, sondern der Sache wegen. Die Musiker sollen Musik machen, weil es ihnen Spaß macht, es ihnen ein Bedürfnis ist und sie andere Leute damit erfreuen können.6

Die zweite Frage ist, ob sie Umsatzeinbußen haben, denn in der Zeit, in der die Umsätze aus Tonträgerverkäufen gesunken sind, gab es einen Anstieg der Erträge von GEMA, GVL und einen Anstieg beim Verkauf von Musikinstrumenten. Zahlenmäßig sind die Erträge von GEMA und GVL zwar geringer als die Umsätze im Tonträgergeschäft,7 jedoch geht auch nur ein kleiner Teil aus den Umsätzen der Tonträgerverkäufe an die Künstler. Somit lässt sich nicht eindeutig belegen, ob die Künstler durch das Aufkommen der Tauschbörsen schlechter gestellt wurden. Weiterhin unklar ist auch, ob sich die Situation ändern würde, wenn es eine weitere Verschiebung von den Tonträgerverkäufen oder bezahlten Downloads weg gäbe. Zudem besteht ein Unterschied darin, ob eine Musikgruppe viele eigene Auftritte hat, Fanartikel verkauft und ob ihre Werke oft im Rundfunk gesendet werden. Für den Fall, dass die Künstler nicht ausreichend entlohnt werden, besteht die Gefahr, dass sie weniger anbieten, d.h. einige werden das Musizieren aufgeben, weil sie zum Beispiel einer anderen Tätigkeit nachgehen müssen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Die Folge wäre, dass das Angebot geringer ist als es optimal wäre. Diesen Effekt bezeichnet man laut folgender Seite auch als positive Externalität. Dabei bringt das Handeln einer Person einer anderen Person einen Nutzen, welcher nicht durch einen Preis abgegolten wird.8 Weiterhin könnte selbst die Befürchtung, nicht ausreichend entlohnt zu werden, dazu führen, dass das Angebot reduziert wird. Somit wäre eine Lösung, die den Urhebern einen entsprechenden Erlös zukommen lässt, wünschenswert.

1vgl.: Kromer Eberhard: Wertschöpfung in der Musikindustrie - zukünftige Erfolgsfaktoren bei der Vermarktung von Musik. Verlag Fischer, München 2008, S. 59.

2vgl.: Zehden, Axel et al.: Gutachten - Sind die Musiktauschbörsen ,schuld’ am Umsatzrückgang auf dem internationalen Musikmarkt? Netzartikel aus dem Januar 2003. online: http://www.ig.cs.tu-berlin.de/oldstatic/w2002/ir1/uebref/ZehdenEtAl-Gutachten-G7-022003.pdf(15.04.2008 21:00)

3vgl.: Shapiro, Carl und Varian, Hal R.: Information Rules - A Strategic Guide to the Network Economy. McGraw-Hill Professional, New York 1999, S. 5.

4vgl.: Spielkamp, Matthias: Gefahr oder Chance. Netzartikel vom 17.02.07. online: http://www.irights.info/index.php?id=567(17.04.2008 14:00)

5vgl.: Saerbeck, Andreas: Musik von unten. Netzartikel vom 01.08.2006. online: http://www2.hu-berlin.de/gbz/index2.html?/gbz/archive/pressarchive/press08_06.htm(17.04.2008 01:00)

6vgl.: Berger, Florian: Money Kills Music. online: http://moneykillsmusic.fb-audio.de/forderungen_wuensche.shtml(28.04.2008 01:00)

7vgl.: Kromer Eberhard, Wertschöpfung in der Musikindustrie - zukünftige Erfolgsfaktoren bei der Vermarktung von Musik. Verlag Fischer, München 2008, S. 61

8vgl.: o.V.: Stichwort: „Externalität”. In: Eidgenössisches Finanzdepartement EFD. Letzte Änderung am 14.05.2007. online: http://www.efd.admin.ch/glossar/index.html?action=id&id=66&lang=de(19.04.2008 20:40)

 

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